HOCHHÄUSER: NICHT DAS KIND MIT DEM BAD AUSSCHÜTTEN!

 
Die seit nunmehr bereits über drei Jahrzehnten schwelende Diskussion um den Brandschutz in den Steirischen Hochhäusern hat seit dem massiven Auftreten einer Grazer Bürgerinitiative eine dramatische Wende erfahren. Jetzt wird nämlich nicht mehr fachlich über diesen Problemkreis diskutiert, sondern politisch. Dabei besteht jedoch – nach dem derzeitigen Stand der Dinge – die große Gefahr, dass das Kind mit dem Bad ausgeschüttet wird. Wie ist das zu verstehen?
WER BILLIG BAUT, BAUT TEUER!
In der Steiermark gibt es derzeit etwa 300 Hochhäuser, also Bauwerke zwischen 22 und 75 Meter Höhe. Die meisten von ihnen wurden in den Fünfziger- und Sechzigerjahren ohne Berücksichtigung des elementarsten Brandschutzes errichtet. Man hat damals billig gebaut, was sich jetzt zu rächen beginnt. Vor allem fehlen die brandsicheren Sicherheitsstiegenhäuser, wie sie bei Neubauten bereits seit der Novelle des Baugesetzes im Jahre 1976 als Stand der Technik vorzusehen sind.
EINE PREKÄRE LAGE
Damit befinden sich jedoch nicht nur die in den alten Bauwerken lebenden Hochhausbewohner im Brandfall in einer prekären Situation, sondern auch die in den Einsatz gehenden Feuerwehrkräfte. Denn aus großen Höhen kann eine größere Anzahl von Menschen nicht mehr über die Rettungsmittel der Feuerwehr (Drehleitern) in Sicherheit gebracht werden. Hier sind unbedingt bauliche, technische und organisatorische Brandschutzmaßnahmen zu setzen. Das ist die Ausgangslage!
NATÜRLICHE GRENZEN!
Nun könnte man sagen: Die bei uns gebauten Hochhäuser sind ja nur Taschenformat-Ausgaben der amerikanischen Wolkenkratzer und Wohnsilos. Ist es jedoch für einen in Todesangst aus dem Fenster springenden Menschen nicht egal, ob er 200 oder 40 Meter tief fällt? In jedem Fall bleibt er zerschmettert am Boden liegen! Hier steht auch die schnellste Feuerwehr mit den besten Rettungsgeräten auf verlorenem Posten! Denn herkömmliche Sprungtücher und ihre Abarten sind maximal bis zum vierten Stockwerk einsetzbar, Drehleitern und andere Hubrettungsgeräte sind vielfach zu kurz oder können durch verstellte Zufahrtswege erst gar nicht in die richtige Position gebracht werden. Und sollte dies trotzdem gelingen, so ist noch immer unklar, wie eine größere Zahl von Menschen auf diese Weise gerettet werden soll. Denn die Rettungskapazität derartiger Geräte ist stark eingeschränkt. Ganz abgesehen von der Rettung kleiner Kinder, alter und gebrechlicher oder kranker Menschen. Hier gibt es ganz einfach natürliche Grenzen!
EINE BÜRGERINITIATIVE WIRD AKTIV!
Die Aufrüstung der Hochhäuser, welche durch den Paragrafen 103 des Steiermärkischen Baugesetzes legitimiert ist und bereits durch einige oberstgerichtliche Entscheidungen bestätigt wurde, kostet natürlich Geld. Die anfallenden Kosten sind nun von den Eigentümern zu tragen, was in einigen Fällen zu massiven Protesten geführt hat. In diesem Zusammenhang wurde auch eine Bürgerinitiative gegründet, welche jetzt sogar behauptet, dass vor allem die Forderungen und Vorschreibungen der Grazer Feuerpolizei überzogen und den Eigentümer nicht zuzumuten wären. Und natürlich versuchen auch verschiedene politische Gruppierungen Kapital aus dieser verzwickten Situation zu schlagen. Der Brandschutz erleidet dabei einen gewaltigen Imageschaden und wird zum Spielball der Parteipolitik.
EINE VERTRETBARE LÖSUNG!
Dabei wurden in den letzten Jahren bereits über 130 Hochhäuser ohne größere Probleme brandschutztechnisch aufgerüstet, weil in diesen Fällen die entsprechende Vorsorge durch Ansparungen erfolgt ist. Die in diesem Zusammenhang umgesetzten Sicherheitsmaßnahmen waren stets darauf ausgerichtet, bei vertretbaren Kosten, eine akzeptable Feuersicherheit zu produzieren. Schwerpunkt war hier in erster Linie immer die Schaffung eines sicheren Flucht- und Rettungsweges für die Hochhausbewohner. Dies kann relativ kostengünstig durch den Einbau einer Überdruckbelüftung, die im Brandfall durch eine automatische Brandmeldeanlage ausgelöst wird, erreicht werden. Selbstschließende Brandschutztüren zu den Wohnungen stellen bei diesem Konzept ein integrierendes Sicherheitselement dar. Das ist die technische und auch wirtschaftlich vertretbare Lösung!
VON BIRNEN UND ÄPFELN!
Durch die Bürgerinitiative werden nun diese Maßnahmen als nicht notwendig und völlig überzogen dargestellt. Man verweist dabei auch auf die selten auftretenden Hochhausbrände in aller Welt. Dabei vergisst man jedoch, dass fast alle diese Hochbauten mit im Brandfall selbsttätig ansprechenden Sprinklern, also automatischen Löschanlagen, ausgerüstet sind. Hier kann also ein Entstehungsbrand in der Regel sofort im Keim erstickt werden, was bei unseren baulichen Altlasten in der Steiermark und Österreich nicht der Fall ist! Wenn man sich also mit Brandschutz beschäftigt, darf man Birnen nicht mit Äpfeln vergleichen. Und damit das Kind mit dem Bad ausschütten!
KOMMT DIE POLITISCHE KINDESWEGLEGUNG?
Da jedoch die Gefahr besteht, dass schon im Herbst 2007 eine derartige politische Kindesweglegung erfolgt, hat der Landesfeuerwehrverband Steiermark Alarm geschlagen. Es kann vor der Abschaffung des § 103 des StmkBauG, von einem unüberlegten Mehrheitsbeschluss im Steirischen Landtag, nur abgeraten werden, wie Landesfeuerwehrkommandant Albert Kern vor kurzem feststellte. Namens der rund 50.000 Feuerwehrmitglieder in der Steiermark warnt der Landesbranddirektor vor einer derartigen kontraproduktiven Vorgangsweise.
SACHLICHE INFORMATION!
Deswegen führt das Landesfeuerwehrkommando in diesem Zusammenhang am 30. August 2007 an der Feuerwehr- und Zivilschutzschule Steiermark eine fachliche Informationstagung zum Themenkreis „Brandschutz in Hochhäusern“ durch. Dabei sollen die betroffenen Hochhausbewohner, Vertreter der Einsatzkräfte, Juristen und Brandschutztechniker zu Wort kommen. Zielgruppe sind in erster Linie alle verantwortlichen politischen, behördlichen und medialen Verantwortlichen und die Verantwortungsträger der Einsatzorganisationen. Wir wollen sachlich informieren, damit das Kind nicht mit dem Bade ausgeschüttet wird!
 

Hochhaus-Totalbrand in Madrid aus dem Jahre 2005

Vor dem Brand

Ausgebrannt

Vor Einsturz

von Dr. Otto Widetschek

 

 

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