TOD IM PARADIES

 
Das Negativ-Wort des Jahres 2004 wird vermutlich Tsunami heißen. Ein Begriff mit dem bis vor kurzem fast niemand etwas anfangen konnte. Heute wissen wir: Dahinter steckt Elend, Tod und Vernichtung. Denn der letzte Tsunami – zwischen Weihnachten und Neujahr – brachte unendliches Leid für hunderttausende von Menschen in aller Welt.
Binnen weniger Minuten wurde das Paradies zur Hölle. Eine gigantische Meereswelle wälzte sich mit ungeheurer Wucht über den heißen Urlaubsstrand, drang in das Landesinnere vor und vernichtete fast alles was sich ihr entgegen stellte. Dieses dramatische Ereignis spielte sich in den frühen Morgenstunden des 26. Dezember 2004 in Südostasien an den Ufern des indischen Ozeans ab.
 

HOHER BLUTZOLL
Die Ursache war ein so genanntes Seebeben knapp vor der Westküste Sumatras. Es handelte sich dabei um das schwerste Erdbeben der letzten Jahrzehnte, welches gigantische Flutwellen auslöste, die auf den Malediven, Sri Lanka, in Südindien, Thailand, Bangladesch, Malaysien und Indonesien Tod und Vernichtung brachten. Tag für Tag stieg die Zahl der Toten, bis man auf den unerwartet hohen Blutzoll von etwa 200.000 Opfern kam. Schnitter Tod hatte reiche Ernte gehalten und darunter waren viele Urlauber aus Europa und der ganzen Welt. Auch über 150 Österreicher fanden bei diesem Naturereignis vermutlich den Tod.

 

Panische Flucht vor der Killerwelle

 
ALS DIE ERDE SEUFZTE
Doch diese Naturkatastrophe knapp vor der Jahreswende 2004/2005 ist nicht einzigartig. Vor allem in Japan, das am „Pazifischen Feuerring“ – einem lang gestreckten Gebiet mit seismischen Aktivitäten, das sich im pazifischen Raum von Neuseeland bis Kap Horn erstreckt – liegt, sind Erdbeben nichts Ungewöhnliches. Das schrecklichste Ereignis dieser Art suchte die Hauptstadt Tokio und die knapp 30 km entfernte Hafenstadt Yokohama am 1. September 1923 heim. Dabei wurde auch der Meeresboden etwa 80 km südlich von Tokio aufgerissen und löste enorme Erschütterungen an Land und schwere Tsunamis entlang der Küste aus. Überlebende berichteten, dass sich damals „der Boden hob, als ob die Erde seufzen wollte“. Die Gesamtzahl der Todesopfer wurde damals auf über 150.000, die der Schwerverletzten auf 100.000 geschätzt.
 
WAS IST EIN TSUNAMI?
Der Name für diese Killerwellen geht vermutlich schon auf das Jahr 1896 zurück, als nach einem Seebeben vor der Küste Japans über 30 Meter hohe Riesenwellen entstanden, welche an die 30.000 Tote verursachten. Dabei bot sich den Fischern, die sich mit ihren Booten auf hoher See befanden und die tödliche Welle unter sich nicht bemerkt hatten, bei ihrer Rückkehr ein Bild des Grauens: Sie fanden tausende Leichen an der Küste vor. Sie nannten daher dieses Naturphänomen Tsunami, was auf japanisch so viel wie „große Woge im Hafen“ bedeutet.

Tsunami (zeichnerische Darstellung aus Tessloff-Verlag, Band 74)

 

Wie Tsunamis entstehen

(schematische Darstellung)

WIE TSUNAMIS ENTSTEHEN!
Tsunamis entstehen in den Weltmeeren, wenn das Wasser durch ein Erd- oder Seebeben, durch Verschiebungen auf dem Grund des Ozeans oder bei unterseeischen Vulkanausbrüchen in Bewegung gerät. Die Wassermassen geraten dadurch ins Schaukeln. Es ist dies eine träge, aber unerhört energiegeladene Welle, die sich ringförmig ausbreitet. Die Wellenlänge, also der Abstand von Wellenberg zu Wellenberg, beträgt dabei 150 bis 600 km. Solange diese seismischen Riesenwellen tiefes Wasser unter sich haben, sind sie kaum mehr als einen Meter hoch und harmlos. Von vorüber fahrenden Schiffen werden sie oft nicht einmal wahrgenommen. Ihre ungeheure Kraft macht sich erst an der Küste bemerkbar: Dort werden die Wellen langsamer, das Wasser türmt sich zu enormer Höhe auf. Es gilt dabei: Je steiler die Küste, desto höher sind die Tsunami-Wellen.
 
DIE AUSWIRKUNGEN
Wie bei einer außergewöhnlich niedrigen Ebbe weicht das Wasser am Ufer zunächst kilometerweit zurück. Dann kommt es wieder, schon nach wenigen Minuten. Die Wellen können nun bis zu 60 Meter hoch sein, sie jagen mit an die 90 km/h landeinwärts, und alles was ihnen entgegensteht, reißen sie hinweg: Bäume werden entwurzelt, Häuser stürzen ein, Autos werden hunderte Meter weit weggeschleudert. Im Anschluss darauf kommt es zu einer mächtigen Sogwelle, durch welche viele Menschen auf das offene Meer gezogen werden.
Solch eine Katastrophe ereignete sich in den frühen Morgenstunden des Stefanitages des Jahres 2004 und brachte Elend und Leid über die paradiesischen Strände des indischen Ozeans.
 
DER ERSTE TSUNAMI-WARNDIENST
Vor einer ähnlichen Katastrophe wurde am 1. April 1946 die Pazifikinsel Hawai heimgesucht. 3.600 km entfernt hatte es im Nordpazifik ein schweres Seebeben gegeben. Nun rasten die Tsunami-Wellen mit 800 km/h über das Wasser und erreichten nach 4,5 Stunden Honolulu, die Hauptstadt des Inselarchipels. Damals hat man die Lehren aus dieser Katastrophe gezogen und einen Tsunami-Warndienst eingerichtet.
Ähnliche Zeitverschiebungen gab es auch bei der letzten Naturkatastrophe im indischen Ozean – nur mit dem Unterschied, dass es keinen Warndienst gab. Anscheinend braucht jedes Land seine eigenen Toten, um einen entsprechend wirksamen Katastrophenschutz aufzubauen. Traurig, aber wahr!
 
DAS UNTERDRÜCKTE RISIKO
Aber so ist es! Unsere moderne Gesellschaft besitzt zwar die technischen Instrumentarien, verwendet sie jedoch nicht um Sicherheit zu produzieren. Sie unterdrückt das Risiko, welches einerseits durch Naturgewalten vorhanden ist, aber auch die vielfach überhitzte Technologie des Menschen künstlich erzeugt wird. Wir machen eine gefährliche Gratwanderung unter dem Motto „Es muss erst etwas geschehen, damit etwas geschieht!“ und bemerken dabei nicht, dass möglicherweise einmal das einzige Paradies, nämlich unsere Erde, welches wir besitzen, in einer selbst verschuldeten Weltkatastrophe zugrunde gehen könnte.

von Dr. Otto Widetschek

 

 

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