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HERAUSFORDERUNG FÜR
DIE FEUERWEHR Früher waren die Phänomene Backdraft
und Flashover vielleicht überzogene Illusionen aus
utopischen Katastrophenschutzfilmen. Heute sind sie im
Feuerwehralltag schon harte Realität und halten viele
unserer Führungskräfte in Atem. Und immer wieder hören wir,
da und dort wäre es zu einem schlagartigen
Ausbreitungsphänomen im Zuge eines Brandgeschehens gekommen.
Doch nur die wenigsten dieser gefährlichen Ereignisse werden
auch fachlich sauber dokumentiert. Außerdem herrschen über
diesen Problemkreis viele Missverständnisse und
Fehlmeinungen vor. BLAULICHT will Licht ins Dunkel dieses
Meinungswirrwarrs bringen.
Von LFR
Univ.-Lektor Dr. Otto Widetschek, Graz
Wollen sie mitreden? Dann lesen sie diese
Dokumentation, in welcher wir die Phänomene Backdraft &
Flashover erstmals unter Beachtung aller
naturwissenschaftlich bekannten Fakten genauer unter die
Lupe nehmen! |
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| TEIL 1: GRUNDLAGEN UND
HISTORISCHE BETRACHTUNG: |
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Immer wieder kommt es bei Bränden zu
schlagartigen Ereignissen, im Zuge derer die Einsatzkräfte
plötzlich nach der Durchzündung von Rauchgasen von Flammen
einge-schlossen werden. Schwere Verletzungen, ja sogar
Todes-fälle können die Folge sein. Leider werden derartige
Unfälle nur selten in allen Einzelheiten diskutiert. Man
versteckt sich nur allzu oft hinter einem „laufenden
Verfahren“ und selbst in den inneren Gremien der
Feuerwehren, erhält man die notwendigen Informationen nur
unter vorgehaltener Hand.
Für manchen Feuerwehrmann ist der Flashover ein „spanisches Dorf“
(Cartoon: Meisenberger) |
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| KEINE NEUEN PHÄNOMENE! |
| Was ist jedoch so geheimnisvoll an diesen
Phänomenen? Wir müssen endlich erkennen, dass es sich hier nicht um
seltene, schicksalhafte Ereignisse handelt, sondern um zumindest
theoretisch nachvollziehbare chemisch-physikalische Vorgänge. Und
eines ist klar: Wenn wir sie analysieren können, sind auch wirksame
Gegenmaßnahmen möglich! Sind die mit den neudeutschen Begriffen
bezeichneten Phänomene Backdraft und Flashover aber etwas völlig
Neues? Nein! Man hat nämlich deren Auswirkungen auch schon früher
festgestellt, allerdings weniger häufig und mit geringerer
Intensität. Damals wurde von Stichflammen und dem Feuerübersprung
gesprochen. Begriffe, die sehr aussagekräftig sind und welche wir
überlegen sollten wieder einzuführen! |
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DEM FEUER
NICHT LUFT MACHEN! Schon in seinem erstmals 1877
erschienenen Buch „Das Feuerlöschwesen in allen seinen
Theilen“ hat der legendäre C. D. Magirus,
Feuerwehrkommandant in Ulm und Fabrikant für
Feuerwehr-Requisiten, geschrieben „man solle dem Feuer nicht
Luft machen durch Öffnen der Fenster und Türen“. Ähnlich und
sehr anschaulich heißt es im „Deutschen Feuerwehrbuch“ aus
dem Jahre 1929: Der Strahlrohrführer sollte „damit nicht dem
Brande durch Vermehrung des Luftzutritts noch größere
Lebhaftigkeit verschaffen!“.
Das Öffnen von Fenstern und Türen, aber auch von
Dacheindeckungen und Zwischendecken muss also mit aller
Vorsicht erfolgen. Das ist eine wichtige - im Grunde nach
schon vor über 100 Jahren gewonnene Erkenntnis für unsere
Einsatzkräfte!
„Dem Feuer darf nicht Luft gemacht werden!
(Magirus)“, sonst kommt es zu Stichflammen |
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SPEKTAKULÄRER SPIELFILM Im Jahre 1991 wurde auch in
Österreich der US-Spielfilm „Backdraft“ mit viel
Werbeaufwand gezeigt. Als ich damals interviewt wurde,
charakterisierte ich den Film mit den Worten: „Spannendes,
feuriges Riesenspektakel, mit realistischem Hintergrund!“.
Natürlich hatte man im Sinne der künstlerischen Freiheit und
dem amerikanischen Selbstverständnis für ein ausgeprägtes
„Heldentum“ in der Feuerwehr manche Szenen überzogen. Aber
eines wurde dabei hervorragend dargestellt: Das Feuer hat
ein „Eigenleben“; ja, es ist vergleichbar mit einem
Lebewesen, das atmet und frisst. Und vor allem, es kann erst
besiegt werden, wenn man es versteht!
Der Film „Backdraft“ brachte die Gefahren
des Feuers ins öffentliche Interesse.
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Eine Rauchdurchzündung in
einer Zwischendecke war für die massiven Zerstörungen am
Flughafen Düsseldorf verantwortlich? |
MIT DEM
FEUER AUF DU UND DU?
Obwohl der Mensch schon lange das Feuer zu nutzen gelernt
hat, ist dieses Phänomen noch lange nicht richtig erforscht.
Selbst die einfache Frage „Was geschieht in einem brennenden
Haus?“, kann die Naturwissenschaft in allen ihren
Einzelheiten bis heute nicht beantworten. Der Feuerwehrmann,
der Brände zu bekämpfen hat, geht nach einem mehr oder
weniger eingedrillten Schema vor, welches in den
Feuerwehrschulen gelehrt wird. Man verwendet dabei das
Modell des so genannten Feuerdreiecks oder vielleicht auch
des Feuertetraeders, womit die elementaren Löschmethoden
erklärt werden können. Aber verstehen wir das Brandgeschehen
wirklich? Wir glauben es zu mindestens. Aber wenn es zu
einem Ereignis, wie jetzt in den USA, Berlin oder Graz bzw.
am Düsseldorfer Flughafen (1996) kommt, erkennen wir, dass
wir noch lange nicht mit dem Feuer auf Du und Du sind. |
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Der Verfasser (Bildmitte
mit Taschenlampe) im Jahre 1969 als Einsatzleiter bei einem
Geschäftsbrand (hier kam es beim Einschlagen der Glasfassade
zur gefürchteten Stichflammenbildung)! |
„BACKDRAFT“ & „FLASCHOVER“
Szenenwechsel: Der Verfasser hat im Jahre 1968 seine
Feuerwehrgrundausbildung bei der Wiener Berufsfeuerwehr
absolviert. Schon damals wurden wir von unseren Ausbildern
besonders auf die Brandausbreitungsgefahr bei Zimmerbränden
geschult. Wir sprachen von Stichflammen, welche beim Öffnen
einer Türe zu einem Brandraum auftreten können. Heute wird
dafür der „neudeutsche“ Begriff „Backdraft“ oder
fälschlicherweise auch „Flashover“ verwendet. Eines ist
aber dabei klar: Vor einigen Jahrzehnten hat man bei uns
noch weniger Kunststoffe in Form von
Einrichtungsgegenständen und Textilien in den Wohnungen,
Büros und Hotelzimmern verwendet. Aber gerade bei den
verschiedenen Plasten kommt es in verstärktem Maße zum
Phänomen des Feuersprungs („Flashover“) und zu Stichflammen
(„Backdraft“). Man kann also salopp sagen: Die
Rauchdurchzündungen in Form der plötzlichen Entflammung
eines Raumes und die Stichflammen beim Zuströmen von
Sauerstoff sind bei modernen Bränden größer und häufiger
geworden. |
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| EXPLOSIVE BRANDGASE! |
| Das Feuer ist ein chemisch-physikalisches
Zwitterwesen. Bei der Verbrennung treten chemische Reaktionen auf,
welche Energie in Form von Wärme und Strahlung freisetzen. Dass es
aber nicht so einfach ist, zeigt das bekannte Beispiel einer
brennenden Kerze: Nicht sie bzw. ihr Docht brennen, sondern die
dampfförmigen Produkte, welche die Kerze freisetzt. Ähnlich ist es
auch bei allen Brennstoffen. Nur mit dem Unterschied, dass hier
häufig eine schnellere Zersetzung (vor allem der Kunststoffe)
erfolgt, als es zum Brand kommen kann. Die Folge ist, dass sich im
Brandrauch mehr oder weniger große Mengen unverbrannter Rauchgase
befinden. Diese werden thermisch durch die vorhandene Hitze weiter
aufbereitet und können schließlich hochexplosiv sein. |
| DER BEGINN DES FEUERSPRUNGS |
| Der Brandherd wird nun in der Regel nach den alten
Einsatzgrundsätzen bekämpft, die da vereinfacht lauten: „Bekämpfe
stets das Feuer, spritze vor allem in Glut und Flammen, aber ja
nicht in den Rauch!“. Dabei ist vielen Feuerwehrmännern noch immer
nicht bewusst, dass sich die Rauchgase entzünden können. Wie kann
nun vor allem die Gefahr des drohenden „Flashovers“ erkannt werden?
Es gibt glücklicherweise einige Hinweise: Vielfach werden mitten im
deckennahen Rauch Feuerzungen wahrgenommen, welche in den USA und in
England als dancing angels (tanzende Engel) bezeichnet werden. Sie
sind die untrügerischen Vorboten des Feuersprungs, welcher in
Sekundenschnelle den brennenden Raum in ein Flammeninferno
verwandeln kann. Wehe den Feuerwehrangehörigen, die das übersehen,
denn sie hören dann im schlechtesten Fall die „Engel singen“. |
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"BACKDRAFT":
GROSSER BRUDER DER STICHFLAMMEN!
Eine besonders heimtückische Situation liegt vor, wenn die
Wohnungen - aus Gründen der Energieeinsparung - gut
abgedichtet und isoliert sind. Bei geschlossenen Türen und
Fenstern kommt es im Brandfall nämlich alsbald zum
Sauerstoffmangel. Die erzeugten Rauchgase „sitzen“ nun wie
ein Tier im Käfig und warten, dass eine Tür geöffnet oder
ein Fenster eingeschlagen wird. Nun kommt es durch die
Luftzufuhr zum gefürchteten „Backdraft“, also einer
Rauchdurchzündung mit einer gewaltigen Stichflammenwirkung
oder gar Explosion. |
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Rauchdurchzündungen (hier
ein Backdraft) in der Praxis. |
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RAUCHDURCHZÜNDUNGEN –
WELCHE GIBT ES?
Als erste wichtige Erkenntnis wollen wir daher feststellen:
Backdraft und Flashover sind Phänomene der
Rauchdurchzündung in Brandräumen. Der Flashover ist dabei
ein dynamisches Ereignis, welches einen gesamten Raum
plötzlich in Brand setzen kann. Der Zeitpunkt seines
Eintrittes kann dabei nicht genau vorhergesagt werden.
Anders ist dies beim Backdraft: Er tritt dann auf, wenn ein
zu fettes Gemisch von Brandgasen mit dem zutretendem
Sauerstoff zündbar wird. Dies ist vor allem beim Öffnen von
Türen oder Fenstern zu Brandräumen möglich, kann aber auch
beim Aufschneiden eines Daches oder einer Zwischendecke
auftreten.
NEUE AUSBILDUNGSKONZEPTE GEFRAGT!
In Schweden hat man schon längst auf die möglichen, neuen
Gefahren bei der Brandbekämpfung reagiert: Seit 1984 gibt es
hier ein so genanntes „Flashover“-Training, welches
ursprünglich in größeren Containern durchgeführt wurde, wie
wir es jetzt auch in Österreich forcieren. Aber man geht im
hohen Norden bereits auf echt eingerichtete Brandhäuser
über. Denn man muss erkennen: Brandbekämpfungsschulungen im
Freien und Brandhausübungen in Räumen ohne Teppiche,
Kunststoffvorhänge, Polstermöbel und Sitzgarnituren sind
nicht ganz realistisch. Trotzdem sind die
Brandcontainer-Übungen reproduzierbar und als heißes
Basistraining für unser Einsatzpersonal von großer
Bedeutung. Denn wir müssen die immer stärker auftretenden
Phänomene des „Flashover“ und des „Backdrafts“ in unser
theoretisches und praktisches Schulungsprogramm aufnehmen.
Wichtig dabei: Auch einige Tabus, wie beispielsweise „In den
Rauch darf man nicht spritzen!“ und „Hochdrucklüfter
verwenden nur die Amerikaner!“ sollten endlich fallen. Denn
in unseren Wohnungen lauert im Brandfall eine „Bestie“ in
Form des Brandrauches, der nur auf seine Durchzündung
wartet! |
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Flash over-Übungen im
Brandcontainer sind heute ein unentbehrliches
Schulungselement für die Feuerwehr ! |
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BEGRIFFSDEFINITIONEN
Flashover und Backdraft – was ist das? |
| Für die Phänomene des Flashover und Backdraft gibt
es nicht nur die sehr anschaulichen deutschen Begriffe des
Feuersprungs und der Stichflammen, sie sollten auch strikte
auseinander gehalten werden. Stichflammen stellen ein kurzzeitiges
Flammenphänomen dar, welches meist mit verpuffungsähnlichen
Erscheinungen auftritt. Dabei ist primär ein Sauerstoffmangel
vorhanden und es bildet sich erst durch Luftzufuhr ein zündfähiges
Gemisch. Das ist der Backdraft!Beim Feuersprung steht jedoch in der
Regel der gesamte Brandraum schlagartig in Flammen. Dabei spielen
die im Deckenbereich des Brandraumes befindlichen heißen
Verbrennungsgase eine dominante Rolle. Diese werden mit steigender
Temperatur zunehmend zündfähiger und die von ihnen ausgehende
thermische Strahlung setzt Einrichtungsgegenstände schlagartig in
Brand. Das ist der Flashover! |
Nach Kunkelmann können Flash over und Backdraft
folgendermaßen beschrieben werden:
Feuersprung (Flashover): |
| Ein Feuersprung oder Flashover tritt auf, wenn sich
in einem Raum die Oberfläche des brennbaren Materials durch
Wärmestrahlung aus den Flammen und aus der heißen Rauchgasschicht
unterhalb der Decke soweit aufgeheizt hat, dass flächendeckend
brennbare Dämpfe entstehen. Mit der im Raum vorhandenen Luft bilden
diese ein zündfähiges Gemisch, das sich durch die vorhandenen
Flammen oder durch andere Zündquellen entzündet. Nach dem Flashover
brennt in der Regel das gesamte im Raum befindliche brennbare
Material. Als Temperaturkriterium wird häufig ein Wert zwischen
500°C bis 600°C in der Rauchschicht angenommen, ab dem ein Flashover auftritt. |
| Stichflammen (Backdraft): |
| Im Gegensatz dazu treten Stichflammen (Backdraft)
auf, wenn brennbare Dämpfe, die im Brandbereich entstanden sind,
aufgrund von Sauerstoffmangel und/oder starker Abkühlung (z. B. an
kalten Wänden) nicht vollständig verbrennen konnten. Durch
Einmischen von Frischluft (z. B. Öffnen einer Tür oder Zerstörung
eines Fensters) und/oder einer zusätzlichen Zündquelle können diese
brennbaren Dämpfe wieder entzündet werden und verbrennen dann
schlagartig mit dem Erscheinungsbild einer Verpuffung. Als
Zündquellen kommen die im Brandraum herrschende Temperatur, Bereiche
mit Flammenbildung oder glimmende Bereiche in Betracht. |
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Flashover und Backdraft sind zwei
mögliche Phänomene der Rauchdurchzündung! |
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| Stand 2005 |
LITERATURHINWEISE
MAGIRUS C. D.: Das Feuerlöschwesen in allen seinen Theilen;
Selbstverlag des Verfassers, Ulm, 1877; Faksimilieausgabe, Thomas W.
Herminghaus & Helmut Raab.
MEISENBERGER O.: Cartoon „Flashover“; BLAULICHT – Brandschutz und
Feuerwehrtechnik, Graz, Heft 11/1996.
FRANK P. A.: Das Deutsche Feuerwehrbuch; Dresdner
Verlagsbuchhhandlung Max Otto Groh, Dresden und Wien, 1929;
Faksimilieausgabe, EFB-Verlag, Hanau, 1980.
KUNKELMANN J.: Brand- und Rauchausbreitung in Gebäuden; Vortrag im
Rahmen des 5. Grazer Aprilsymposions, Dokumentation des Grazer
Brandschutzforums, 2004.
WIDETSCHEK O.: Wie eine Bestie im Käfig; BLAULICHT – Brandschutz und
Feuerwehrtechnik, Graz, Heft 10/ 1996.
Bilder: TKT Krantz Aachen, BF Paris, Andreas Tügel, Homepage
Firehouse und Otto Widetschek. |
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