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HERAUSFORDERUNG FÜR
DIE FEUERWEHR Früher waren die Phänomene Backdraft
und Flashover vielleicht überzogene Illusionen aus
utopischen Katastrophenschutzfilmen. Heute sind sie im
Feuerwehralltag schon harte Realität und halten viele
unserer Führungskräfte in Atem. Und immer wieder hören wir,
da und dort wäre es zu einem schlagartigen
Ausbreitungsphänomen im Zuge eines Brandgeschehens gekommen.
Doch nur die wenigsten dieser gefährlichen Ereignisse werden
auch fachlich sauber dokumentiert. Außerdem herrschen über
diesen Problemkreis viele Missverständnisse und
Fehlmeinungen vor. BLAULICHT will Licht ins Dunkel dieses
Meinungswirrwarrs bringen.
Von LFR
Univ.-Lektor Dr. Otto Widetschek, Graz
Wollen sie mitreden? Dann lesen sie diese
Dokumentation, in welcher wir die Phänomene Backdraft &
Flashover erstmals unter Beachtung aller
naturwissenschaftlich bekannten Fakten genauer unter die
Lupe nehmen! |
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| TEIL 5: BACKDRAFT - DIE RAUCHEXPLOSION: |
| Wir haben bereits die verschiedenen Spielarten des Flashover,
welchen ich als das „Schnelle Feuer“ bezeichnet habe, kennen
gelernt. Ein Sonderfall ist der so genannte Backdraft, die
Rauchexplosion! Ja, es handelt sich dabei um eine echte Explosion,
welche durch die Zufuhr von Luftsauerstoff in einem relativ dichten
mit fettem Brandrauch ausgefüllten Raum ausgelöst wird. |
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BACKDRAFT:
„GROSSER BRUDER“ DER STICHFLAMMEN
Wie Stichflammen entstehen, haben die älteren
Feuerwehrmänner schon vor den neuen Erkenntnissen der
Brandforschung, welche vor allem in den USA in den
Fünfzigerjahren veröffentlicht wurden, in ihrer
Grundausbildung gelernt. Es sind im Wesentlichen dieselben
Voraussetzungen, wie für einen Backdraft. Und dem Grunde
nach ist der Backdraft auch nichts anderes – vielleicht ist
er etwas größer und intensiver und vor allem ein Ereignis
mit größerer Druckwirkung, wie sie bei einer Explosion
entstehen kann. Hervorgerufen wird dieses Phänomen vor allem
durch komplexere Brennstoffe in Form einer Vielzahl von
Kunststoffen und Holz. Deswegen habe ich den Backdraft
einmal als den „Großen Bruder“ der Stichflammen bezeichnet. |
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Eine klassische
Rauchexplosion (Backdraft) durch welche eine mächtige
Stichflamme mit Splitterwirkung entsteht (Foto: BF
Offenbach). |
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| IN VIER PHASEN |
| Wir wissen: Stichflammen und Backdraft entstehen stets in einem
Ablauf von vier ineinander greifenden Phasen des
Verbrennungsvorganges, die folgendermaßen beschrieben werden können: |
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Phase 1: Rauchentwicklung.
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Bei geschlossenen und relativ dichten Fenstern und Türen
(schlechter Luftzug) entwickelt sich der Brand aufgrund der
Art und Intensität der Zündquelle, des vorliegenden
Brennstoffes (Brandbelastung) und der Raumgeometrie mehr
oder weniger ausgeprägt. |
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Phase 2: Bildung von
Pyrolysegasen. |
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Aufgrund des Sauerstoffmangels wird die Brandintensität
kleiner (unvollkommene Verbrennung mit Bildung zündfähiger
Verbrennungsprodukte). Es entstehen explosive Pyrolysegase
mit Konzentrationen oberhalb der oberen Zündgrenze („fettes
Gemisch“). |
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Phase 3: Sauerstoffzufuhr. |
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Bei Öffnen einer Türe oder Bersten einer Fensterscheibe
etc. tritt Luftsauerstoff in den Brandraum. |
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Phase 4: Rauchdurchzündung
(Explosion). |
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Es liegt nun ein zündfähiges Gemisch vor, welches mit
einer Stichflamme verbrennt bzw. sogar explodieren kann.
Eine auftretende Rauchexplosion wird als Backdraft
bezeichnet. |
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Die vier Phasen des
Backdrafts. |
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DAS DRAMA
VON PARIS
Die größte Backdraft-Katastrophe ereignete sich wohl am
14. September 2002 in Paris. Im Zuge eines Routineeinsatzes
wurden wie aus heiterem Himmel fünf junge
Berufsfeuerwehrmänner getötet. Sie wollten einen kleinen
Zimmerbrand im 6.Stock eines Wohnhauses bekämpfen und wurden
beim Öffnen der Türen von zwei tödlichen Rauchexplosionen
überrascht. Das Zimmer, in welchem der Brand ausbrach, war
nur etwa 10 m² groß und führte zu einem schmalen Gang Tür
1). Von diesem konnte man über eine zweite Tür (Tür 2) das
Stiegenhaus erreichen. |
| Diese fünf
jungen Berufsfeuerwehrmänner wurden durch zwei
Rauchexplosionen getötet. |
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| FURCHTBARE FOLGEN |
| Nach den beiden Rauchexplosionen lagen die fünf Opfer mit
zerschmetterten Helmen und zerrissenen Schutzanzügen schwer
verletzt, mit Verbrennungen versehen, im Brandraum. Es wurden ihnen
auch die Atemschutzmasken vom Kopf gerissen, was auf eine große
Druckwirkung bei den Rauchdurchzündungen hinweist. Nach
verzweifelten Reanimationsversuchen im Krankenhaus von Percy en
Clamart, wo sie nach dem Unfall sofort eingeliefert wurden, konnte
schließlich nur mehr ihr Tod festgestellt werden. Erste
Stellungnahmen über die Todesursache sprach von einem heimtückischen
Doppeleffekt aus Verbrennungen und Druckwirkung. Vor allem die
irreparablen inneren Verletzungen sollen dabei eine entscheidende
Rolle gespielt haben. |
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| WIE ES
ZUR KATASTROPHE KAM
Im sechsten Stock eines Pariser Wohnhauses kam es in
einem kleinen Wohnraum zu einem Brand. Es verschwelte dabei
auch vermutlich eine Matratze, wodurch giftiger, explosibler
Rauch entstand. Dieser enthielt eine Reihe von Pyrolysegasen
(vor allem Kohlenmonoxid) und befand sich im „fetten
Bereich“. Zwei Feuerwehrmänner öffneten die Türe zum
Wohnraum (Türe 1), wodurch es aufgrund der Sauerstoffzufuhr
zur ersten Rauchexplosion (Backdraft) kam. Die Folgen waren,
durch die relativ hohe Druckwirkung und den auftretenden
Feuerball, für beide Berufsfeuerwehrmänner tödlich (Helme
und Atemmasken wurden ihnen vom Kopf gerissen). |

Der Unfallort (schematisch
dargestellt). |
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Die erste Rauchexplosion
(schematisch dargestellt).
Die zweite Rauchexplosion
(schematisch dargestellt). |
Zehn Minuten später wollten drei
Feuerwehrmänner die beiden Verunfallten in Sicherheit
bringen. In der Zwischenzeit hatten sich auch im engen
Gangbereich explosive Brandgase ausgebreitet, da die
Wohnungstüre durch die erste Explosion herausgerissen wurde.
Die Männer öffneten die Gangtüre (Türe 2) und es kam zum
zweiten Backdraft, der ebenfalls tödlich war.
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„BRAND AUS“ DURCH
SAUERSTOFFMANGEL! |
| Durch die im
letzten Jahrzehnt stark forcierten Wärmedämmungen im Bauwesen, kann
es heute de facto in allen Bauwerken verstärkt zum Phänomen der
Rauchexplosion kommen. Diese kann bereits bei kleinen Raumgrößen
eintreten, wenn die Fenster und Türen entsprechend isoliert sind. Im
manchen Fällen erlischt dabei der Brand auf Grund von
Sauerstoffmangel sogar von selbst und wird erst Tage später von
besorgten Hausbewohnern oder der Feuerwehr entdeckt. Die Phase 3 in
unserem Entstehungsschema wird also in diesem Fall nicht erreicht,
weil beim Öffnen der Wohnung keine Zündquellen mehr vorhanden sind.
Durch die aufgetretene unvollkommene Verbrennung wird jedoch
verstärkt Kohlenmonoxid erzeugt und vielfach findet man dann auch
tatsächlich Rauchgastote in diesen Brandräumen. |
| „DIE BESTIE IM KÄFIG!“ |
| Konnte sich
jedoch der Brand jedoch einigermaßen entwickeln und entsprechend
hohe Raumtemperaturen erzeugen, so muss mit der Bildung einer großen
Rauchgasmenge gerechnet werden. Die dabei gebildeten explosiven
Pyrolysegasmengen liegen durch den vorhandenen Sauerstoffmangel
dabei im „fetten Bereich“. Sie warten nun – wie eine Bestie im Käfig
– auf eine Sauerstoffzufuhr. Je nach Art der Durchmischung und Lage
der Zündquelle kann dabei eine mehr oder weniger große
Unterschreitung der oberen Zündgrenze und ein unterschiedlich
schneller Abbrand der Rauchgase auftreten. Auf jeden Fall muss, wie
die Praxis zeigt, mit großen Druckwirkungen gerechnet werden. |
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WANN ES KRITISCH
WIRD |
| Der kritische
Punkt bei der Entstehung einer Rauchexplosion ist also der Moment
der Sauerstoffzuführung. Diese kann im Wesentlichen durch das
Bersten oder Öffnen von |
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Türen, |
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Wann es zur
Backdraftgefahr kommen kann. |
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Fenstern, |
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Dacheindeckungen und |
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Zwischendecken |
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| erfolgen. Das
Feuerwehrpersonal muss sich also im Klaren sein, dass jede derartige
Maßnahme von einem Backdraft begleitet sein kann. Wir haben uns also
in Zukunft genau zu überlegen, wann und wo, welche Türe, welches
Fenster, welche Dacheindeckung und welche Zwischendecke geöffnet
werden darf (Achtung Backdraftgefahr!). Eine wichtige Erkenntnis in
diesem Zusammenhang: Die Rauchdurchzündung erfolgt nicht sofort nach
Öffnen der Türe etc., sondern erst einige Sekunden später, nachdem
sich Rauchgase und zuströmender Luftsauerstoff vermischt haben! |
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TÜREN SIND WIE
„ROHE EIER“ ZU BEHANDELN! |
Aber auch das Wie des Öffnungsvorganges spielt dabei eine
wesentliche, ja entscheidende Rolle. Wir wollen uns dies am Beispiel
des Öffnens einer Türe etwas genauer ansehen, weil es gerade dabei
bereits zu fürchterlichen Unfällen (siehe Paris) gekommen ist.
Es hat sich gezeigt, dass Brandraumtüren eigentlich wie „rohe Eier“
zu behandeln sind. Das unbeherrschte Aufreißen oder Aufbrechen ist
das Schlechteste, was man machen kann. Vor einer Türe, hinter
welcher ein Feuer vermutet wird, einer so genannten „heißen Türe“,
muss man wohlüberlegt handeln. Zuerst ist auf Verfärbungen,
Verformungen und eventuelle Ausgasungen zu achten. Dann ist der
Türcheck (Abtasten von unten nach oben, am besten mit dem bloßen
Handrücken, vorsichtiges Berühren der Türschnalle) durchzuführen,
durch welchen die Wärmeentwicklung im Brandbereich abgeschätzt
werden kann. |
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KRITISCHER MOMENT:
TÜRE ÖFFNEN |
| Nach dem
Türcheck geht der Truppmann mit dem Strahlrohr seitlich in Stellung,
während der Truppkommandant die Türe einen Spalt öffnet. Davor
sollte jedoch ein kurzer Sprühwasserstoß vor der Tür abgegeben
werden (Grund: Wenn die Außenluft in den Brandraum gesaugt werden
sollte, wird dieser Wassernebel ebenfalls in den Brandraum
eingebracht und kann sogar eine Rauchdurchzündung verhindern). Nach
Öffnen der Türe wird danach die dahinter liegende Rauchschicht mit
zwei bis drei Sprühimpulsen (etwa 60 Grad nach oben) gekühlt und
dann die Tür wieder geschlossen. Dies kann vor allem dann mehrmals
wiederholt werden, wenn der Brandrauch im Deckenbereich bleibt, er
also sehr heiß ist. Vor dem endgültigen Vordringen in den Brandraum
sind mehrere Sekunden abzuwarten. Die weitere Einsatztaktik bei der
Gefahr einer Rauchdurchzündung wird zu einem späteren Zeitpunkt in
dieser Serie behandelt. |
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| Stand 2005 |
LITERATUR
BF OFFENBACH (Foto): Backdraft bei Zimmerbrand vom 19.07.1998 (aus
www.firemovie.de von Kai-Uwe Wärner).
CIMOLINO U. u. a.: Atemschutz – Sicheres und effizientes Vorgehen,
Suchverfahren, Notfalltraining, Kapitel 1.5 Brandbekämpfung im
Innenangriff von SÜDMERSEN J.; Ecomed-Verlag, 4. Auflage, Landsberg,
2004.
GRIMWOOD P.: Gas-Phase Cooling Using “New Wave” 3-D Water Fog
Techniques (siehe www.firetactics.com).
WIDETSCHEK O.: Tödlicher Feuersprung – warum fünf Pariser
Berufsfeuerwehrmänner sterben mussten; BLAULICHT, Heft 10/2002.
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