ERKENNTNISSE FÜR SCHULUNG UND EINSATZ

 

Wollen sie mitreden? Dann lesen sie diese Dokumentation, in welcher wir die Phänomene Backdraft & Flashover erstmals unter Beachtung aller naturwissenschaftlich bekannten Fakten genauer unter die Lupe nehmen!

HERAUSFORDERUNG FÜR DIE FEUERWEHR

Früher waren die Phänomene Backdraft und Flashover vielleicht überzogene Illusionen aus utopischen Katastrophenschutzfilmen. Heute sind sie im Feuerwehralltag schon harte Realität und halten viele unserer Führungskräfte in Atem. Und immer wieder hören wir, da und dort wäre es zu einem schlagartigen Ausbreitungsphänomen im Zuge eines Brandgeschehens gekommen. Doch nur die wenigsten dieser gefährlichen Ereignisse werden auch fachlich sauber dokumentiert. Außerdem herrschen über diesen Problemkreis viele Missverständnisse und Fehlmeinungen vor. BLAULICHT will Licht ins Dunkel dieses Meinungswirrwarrs bringen.

Von LFR Univ.-Lektor Dr. Otto Widetschek, Graz

 
TEIL 7: ERKENNTNISSE FÜR SCHULUNG UND EINSATZ:
Die Sicherheitsmaßnahmen vor dem eventuellen Auftreten von Stichflammen lernt jeder Feuerwehrmann bereits in der Grundausbildung. Das Öffnen von Türen oder (noch gefährlicher) einer Dachhaut bzw. das Einschlagen von Fensterscheiben darf demnach bei einem Gebäudebrand nur unter Einhaltung von elementarsten Sicherheitsregeln erfolgen.
EIN BRAND, DER SCHOCKIERTE!
Aber gerade in diesem Zusammenhang haben sich in erster Linie durch den tragischen New Yorker Wohnungsbrand vom 28. März 1994, bei welchem drei Feuerwehrmänner ums Leben kamen, neue Erkenntnisse ergeben. Nach dem Öffnen der Wohnungstür zum Brandraum entwickelte sich damals nämlich ein mächtiger Backdraft, der sage und schreibe 6,5 Minuten (!) lang andauerte. Was dabei überraschte und Fachleute gleichzeitig schockte: Herkömmliche Rauchexplosionen entwickeln sich fast nie über einen Zeitraum von mehr als 10 Sekunden. Hier waren es aber über sechs Minuten! Dabei wurde dieses Ereignis durch einen zufällig anwesenden Filmer eindeutig dokumentiert und auch im Computermodell nachgerechnet. Es gab also an der Realität dieses Brandgeschehens, welches alle schockierte, nichts zu deuteln.
NICHT NUR IN AMERIKA!
Was haben wir jedoch aus dem Drama von New York zu lernen? Eines ist klar: Unsere Schutzkleidung ist nur für eine intensive Flammeneinwirkung von etwa 10 Sekunden ausgelegt. Bis zum Backdraft von New York war daher die Welt noch in Ordnung! Denn wir haben angenommen, dass es keine wesentlich länger andauernden Stichflammen gibt. Jetzt müssen wir unsere Einsatztaktik so rasch als möglich hinterfragen. Schließlich sind Einsatzsituationen wie im gegenständlichen Fall nicht nur in Amerika, sondern auch in Europa und Österreich denkbar. Ja, ich behaupte, dass derartige Katastrophen für unser Einsatzpersonal auch in jeder kleinen Landgemeinde auftreten können.
Derartige Situationen sind nichts Neues, sie sind in den letzten Jahrzehnten in zunehmendem Maße bei Wohnungs-, Büro- und Geschäftsbränden aufgetreten. Im Jahre 1993 verunglückten beispielsweise in Wien zwei Berufsfeuerwehrmänner bei einem Wohnungsbrand schwer, als eine mächtige Stichflamme ins Stiegenhaus schlug. Eine ähnliche Situation gab es am 2. April 2004 in Berlin-Moabit: Hier retteten sich zwei Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr Moabit vor einem Backdraft in letzter Sekunde durch einen Fenstersprung.
 

Dieser Brandrauch kann im nächsten Moment durchzünden und die Einsatzkräfte gefährden.

ÜBLICHER BRANDEINSATZÜBLICHER BRANDEINSATZ
Es war ein Routineeinsatz, welcher an diesem Freitag bei einem Wohnungsbrand in der Moabiter Beusselstrasse 72 ablief. Die ersten Einsatzkräfte der Feuerwache Moabit waren gegen 18.00 Uhr am Einsatzort, einem fünfgeschossigen Wohngebäude, eingetroffen. Sie stellten im ersten Stock einen Vollbrand in einer Wohnung im ersten Stock fest. Nun lief die geschulte Einsatzmaschinerie der Feuerwehr an. Von der Beusselerstraße her wurde eine Drehleiter in Stellung gebracht. Fünf Bewohner wurden auf diesem Wege gerettet. In den Innenhof des Wohnhauses konnte man nicht mit Leitern vordringen, deswegen wurde ein Sprungpolster in Stellung gebracht. Eine weise Entscheidung, denn dadurch wurde vermutlich zwei Feuerwehrkollegen das Leben gerettet.
 
DER FEUERSPRUNG
Die Situation war typisch: Die Brandbekämpfung war bereits angelaufen und parallel dazu drang ein Trupp (2 Mann) in das Stiegenhaus vor, um zu erkunden, ob sich weitere Personen in den Wohnungen befinden. Da der heiße Rauch nicht schnell genug abziehen konnte, kam es einige Zeit später zu einer Durchzündung in das Stiegenhaus. Die beiden Feuerwehrmänner befanden sich zu diesem Zeitpunkt in der vierten Etage und wurden von den Stichflammen voll erfasst. Die Flammen loderten bis in den fünfte Etage und fanden auch eine gewisse Nahrung im Stiegenhaus, da sich dort ein hölzernes Stiegengeländer befand.

SCHWERE VERLETZUNGEN
Die Männer waren nun vom Feuer eingeschlossen und retteten sich durch ein waghalsiges Manöver: Sie sprangen vom vierten Obergeschoß, also von über 12 Meter, in einen Sprungpolster, der im Innenhof aufgestellt worden war. Dabei erlitt einer der Kameraden Frakturen an Becken und Lendenwirbeln. Der andere Betroffene erlitt an ca. 30 Prozent der Hautoberfläche Verbrennungen unterschiedlicher Stärke und Tiefe. Beide wurden noch vor Ort von Notärzten versorgt und anschließend ins Krankenhaus gebracht.

Die mächtige Stichflamme schlug im Stiegenhaus nach oben. Die Flucht nach unten war möglich

(Foto: BF Berlin).

SCHÄDEN AN DEN GERÄTEN
Wie intensiv die Flammeneinwirkung war, zeigten die großen Beschädigungen an den Geräten und der persönlichen Schutzausrüstung der beiden Männer. Es mussten Temperaturen um die 1.000 Grad Celsius aufgetreten sein, denn sowohl Helme, Atemmasken und Preßluftatmer waren stark in Mitleidenschaft gezogen. Auch die Schutzjacken waren äußerlich angekohlt, hielten jedoch im Wesentlichen den Flammen stand. Die Schutzkleidung hat den beiden Feuerwehrmännern ohne Zweifel das Leben gerettet!

Verschiedene zerstörte Einsatzgeräte nach einer Rauchdurchzündung in Berlin am 2. April 2004

Vom Brand stark belastete Schutzbekleidung, die jedoch weitgehend ihren Träger schützte

ERKENNTNISSE
Bei der Brandbekämpfung in Wohnhäusern ist ein Flammenrückschlag ins Stiegenhaus denkbar, wobei die in den oberen Etagen befindlichen Feuerwehrmänner lebensgefährlich bedroht werden können. Da ein möglicher Backdraft nicht nur Sekunden andauern, sondern minutenlang wirksam sein kann, ist ein Aufenthalt in diesem Bereich unbedingt während der Brandbekämpfung zu vermeiden.
Weiters hat das Öffnen von Türen in Brandräume mit aller Vorsicht zu erfolgen. Es sind dabei alle Präventivmaßnahmen, wie sie bereits in Folge 5 dieser Serie beschrieben worden sind, zu ergreifen.
WAS IST MIT DEM FLASHOVER?
Wie steht es aber mit dem Flashover? Hand auf´s Herz! Dieses Phänomen blieb in der Vergangenheit in der Regel weitgehend unbeachtet, weil es bis dato nicht so häufig im Einsatzleben eines Feuerwehrmannes aufgetreten ist. Nun ist es aber an der Zeit umzulernen. Die Folge: Unsere Feuerwehrtaktik ist zwar nicht vollkommen neu festzulegen, aber zu mindestens in einigen wesentlichen Punkten abzuändern.
EINE FLASH-BOX ZUM NACHBAUEN
Das Phänomen des Flashovers tritt eher selten auf. Daher wird nicht jeder Feuerwehrmann und jede Feuerwehrfrau damit einem Einsatz konfrontiert. Um aber zu zeigen, dass es Rauchdurchzündungen wirklich gibt kann man eine so geannte Flashover-Box bauen. Die Bauanleitung ist unter www.atemschutz.org zu finden. Viel Spass beim Bauen! Die angegebene Bauanleitung beschreibt die Flashover-Box der Feuerwehr Freilassing, die einen Raum in verkleinerter Form darstellt und die Erzeugung eines Flash-Over mit Backdraft ermöglicht.

Die Flashover-Box in Aktion (Foto FF Freilassing).

Die Box wird an den Wänden mit Pressspanplatten ausgekleidet. Anschließend wird im rechten hinteren Eck ein Holzstoß entzündet. Nach Anbrennen des Holzstoßes wird der Deckel der Box verschlossen. Die Presspanplatten beginnen durch die zunehmende Hitze in der Box auszugasen und setzten Pyrolysegase frei, welche sich im Rauch unter der Raumdecke (Deckel) sammeln. Wird die Box an der vorderen Tür für ca. 10-15 Sekunden verschlossen erlischt das vorhandene Feuer bis auf die Glut. Die Brandgase konzentrieren sich in der Box und zünden kurz nach dem Öffnen der Raumtür durch die Sauerstoffzufuhr in Form des Flashover bzw. Backdraft durch.
Abmessungen der Box:
70 x 70 x 70 cm zusätzlich sind ca. ein Meter hohe Beine an der Unterseite der Box montiert. Diese Beine sind mit einer Europalette verschraubt, um die Box flexibel bewegen zu können.
EIN „AUGE“ FÜR DEN FLASHOVER
Die Änderungen betreffen in erster Linie den Innenangriff. Wir müssen erkennen, dass Brandrauch grundsätzlich brennbar ist und sich in bestimmten Fällen schlagartig entzünden kann. Dieser Flashover kündigt sich vielfach durch besondere Turbulenzen der Brandgase, Flammenzungen und die plötzliche Entflammung von weiter vom Brandherd entfernten Einrichtungsgegenständen an. Dies sind immerhin einige wichtige Hinweise, deren Beachtung unter Umständen für die Einsatzkräfte beim Innenangriff sogar lebensrettend sein kann.
Unser Feuerwehrpersonal muss also eine Art „Auge“ für die Merkmale, welche einem Flashover vorangehen, entwickeln. Nur dann werden wir Brandverletzungen und Todesfälle durch das „Schnelle Feuer“ im Ernstfall vermeiden können.
IN DIE RAUCHGASE SPRITZEN?
Eine alte Grundregel, welche jedem Feuerwehrmann bei uns im wahrsten Sinn des Wortes eingetrichtert wurde, heißt: „Spritze nie in den Rauch, sondern nur in Glut und Flammen!“. Ist diese Taktik im Sinne der neuen Erkenntnisse über den Flashover heute noch tragbar? Müssten wir nicht umgekehrt argumentieren und zuerst in den Rauch spritzen, um den Feuersprung zu verhindern? Eine alte Grundregel, welche jedem Feuerwehrmann bei uns im wahrsten Sinn des Wortes eingetrichtert wurde, heißt: „Spritze nie in den Rauch, sondern nur in Glut und Flammen!“. Ist diese Taktik im Sinne der neuen Erkenntnisse über den Flashover heute noch tragbar? Müssten wir nicht umgekehrt argumentieren und zuerst in den Rauch spritzen, um den Feuersprung zu verhindern?

In die Rauchgase zu spritzen war früher ein Tabu, heute ist es – richtig durchgeführt – fast eine Überlebensnotwendigkeit.

EINE RÜCKBLENDE
Ich erinnere mich noch an einen Brand in einem Lebensmittel-Großhandel, bei welchem ich die Einsatzleitung innehatte. Ich war ein junger Offizier und noch ganz durchdrungen von dem was ich gelernt hatte. Da beobachtete ich - ich traute meinen Augen kaum - einen Einsatztrupp, der in verwegener Stellung mit einem C-Rohr durch die Türe eines Lagerraums völlig planlos in die austretende undurchsichtige Rauchwolke spritzte. Im Gebäude gab es daraufhin ein fürchterliches Klirren und Rumpeln. Kein Wunder, räumte doch der Vollstrahl die Regale sukzessive ab: Eine Unzahl von Lebensmitteldosen, Zucker- und Mehlsäcken sowie Gläser mit Gurken und eingelegten Eiern fiel zu Boden.
DIE NEUE LÖSCHSTRATEGIE
Natürlich kann auch in Hinkunft eine derartige brutale „Löschstrategie“ nicht befürwortet werden. Mit dem „eindimensionalen“ Vollstrahl in eine „dreidimensionale“ Rauchwolke zu spritzen, kann nur als billiger Schildbürgerstreich klassifiziert werden! Ganz anders sieht dies jedoch schon bei einem Sprüh- bzw. Nebelstrahl aus, der in Deckennähe zur Kühlung des dort zum Flashover neigenden „Rauchgas-Sees“ eingesetzt wird.
Derartige Regelungen sind bereits heute in vielen Feuerwehren umgesetzt worden Bei ihnen ist es bereits gang und gäbe, dass die ins Gebäude eindringenden Feuerwehrmänner auf dem Wege zum Feuer automatisch den Sprühstrahl zur Decke richten. Diese Reaktion ist ihnen bereits in Fleisch und Blut übergegangen. Und es ist gut so!
DER BRANDRAUCH GEHÖRT WEG!
Vor allem in größeren Industriehallen werden auch Brandrauchentlüftungen (BRE) bzw. Rauch- und Wärmeabzugsanlagen (RWA) vorgeschrieben. Es gibt dafür sogar eine eigene Technische Richtlinie für den Vorbeugenden Brandschutz, die TRVB S 125.
Die häufigste Taktik war es früher, derartige Rauchabzugsanlagen nicht vor dem Eintreffen der Feuerwehr zu öffnen, um den Brand nicht unnötig anzufachen. Wir werden uns langsam auch von dieser Regelung verabschieden müssen. Denn es ist immerhin noch besser, dass die vielfach brennbaren (auch giftigen und eventuell korrosiven) Rauchgase ins Freie abziehen und der Brand entwickelt sich dabei etwas mehr, als es kommt zum gefürchteten Flashover bzw. zu teuren Gebäudeschäden durch Langzeitgifte.
Die Aufgabe der Feuerwehr ist es also in jedem Fall vorhandene BRE bzw. RWA-Anlagen rechtzeitig zu öffnen und – wenn möglich – einen definierten Luft-Rauchgasstrom zu produzieren. Dabei kann auch im Zuluftstrom relativ sicher in das Gebäude vorgedrungen werden.
DER BRAND IM PALMERS-HOCHHAUS
Was sollen wir tun, wenn jedoch keine BRE-Anlage vorhanden ist? Gibt es hier nur die gefährliche Taktik des Innenangriffs um jeden Preis? Dazu ein Beispiel: Im Jänner 1993 kam es im so genannten Palmers-Hochhaus in Wiener Neudorf zu einem spektakulären Großbrand, der im herkömmlichen Innenangriff nicht bewältigt werden konnte. Über eineinhalb Stunden versuchten Feuerwehrmänner in den Brandbereich im 3. Stockwerk (Lager für Dekorationsmaterialien und Möbel) vorzudringen, mussten aber aufgrund der starken Hitze und intensiver Qualmbildung, dann zu einer anderen, bis zum damaligen Zeitpunkt in unseren Breiten weitgehend ungekannte Taktik zurückgreifen.

Der Brand im Palmers-Hochhaus in Wiener Neudorf war ein Wendepunkt in der Löschtaktik (Foto FF Wr. Neudorf)

 

Kommt „Der programmierte Feuersprung“ als neue Einsatztaktik?

DER PROGRAMMIERTE FEUERSPRUNG
Was wurde getan? Mit Hilfe von zwei großen Druckventilatoren wurde der Brandraum über ein Stiegenhaus belüftet und quasi ein Feuersprung (Bersten der heißen Fensterscheiben durch Kühlung mit Wasserwerfern) provoziert. Durch die in der Zwischenzeit taktisch optimal in Stellung gebrachten Löschfahrzeuge konnte sozusagen der Außenangriff koordiniert bzw. synchron ablaufen.
Diese Taktik – ich nenne sie die „Methode des programmierten Feuersprungs“ – wurde seit damals schon da und dort in unsere Ausbildungsprogramme aufgenommen. Man provoziert also dadurch ganz gezielt einen Flashover – zu einem weitgehend definierten Zeitpunkt, zu welchem man die eigenen Kräfte bereits optimal in Stellung gebracht hat. Im Druckluftstrom der Belüftungsgeräte ist ein weitgehend gefahrloses Vorgehen in den Brandbereich möglich.
NEUE TAKTIK
Diese Taktik klang noch vor etwa zehn Jahren verdammt theoretisch und wurde von manchem alten Haudegen kategorisch abgelehnt! Aber eines ist klar: In der Zwischenzeit hat sich die Methode der Überdruckbelüftung auch bei uns weitgehend durchgesetzt. In den USA wurde diese Taktik bereits früher mit großem Erfolg verwendet. Natürlich ist kein Allheilmittel. Das gibt es nicht. Auf jeden Fall ist sie vorher exakt zu üben, denn wenn sie falsch eingesetzt wird (z. B. wenn nicht genügend große Abluftöffnungen vorhanden sind), kann es zu gefährlichen Situationen für die Einsatzkräfte kommen.
FLASHOVER-TRAINING!
Aus all meinen Ausführung ergibt sich eines ganz klar: Unsere praktische Brandausbildung muss heute durch ein intensives Flashover-Training erweitert werden! Dieses wird beispielsweise bereits seit 1984 in Schweden mit bestem Erfolg durchgeführt. Dabei stehen praktische Brandübungen in eigenen Brandcontainer und Brandhäusern (mit echten Einrichtungsgegenständen) im Vordergrund.

BASISSCHULUNG MIT GASCONTAINERN
Als erste Phase der Ausbildung können mit einigem Erfolg auch Gasübungscontainer eingesetzt werden. Hier kann die große Hitze und das schlagartige Auftreten von Flammen sowie die richtige Vornahme der Strahlrohre intensiv geübt werden. Der große Vorteil ist dabei die umweltfreundliche, definierte und einfache Reproduzierbarkeit derartiger Brandereignisse. Hier gibt es keine lästigen Ausräumarbeiten und es kann in relativ kurzer Zeit eine große Zahl des Einsatzpersonals unter schwerem Atemschutz durch die Übung geschleust werden.

Flash-Simulation im Gascontainer (Bild Safety & Fire)

 
HOLZBEFEUERUNG
In einer weiteren Phase der Ausbildung können holzbefeuerte Container im Ausbildungsbetrieb eingesetzt werden. Der Vorteil einer derartigen Anlage liegt in der Tatsache, dass dabei eine echte Rauchdurchzündung produziert wird und nicht nur eine Stichflamme mittel eines Gases. Diese Technik geht auf Schwedische Versuche in der Feuerwehrschule Skövde zurück (siehe schematische Darstellung) und wurde in der Folge vor allem in Deutschland von der BF Osnabrück weiterentwickelt. In Österreich hat beispielsweise die Stadtfeuerwehr St. Pölten eine derartige Ausbildungsanlage für die Simulation von echten Flashover-Ereignissen gebaut. Dabei kann die Rauchdurchzündung mit einer Brennholzlage bis zu acht Mal und mehr einigermaßen reproduziert werden. Das Feuer wird dabei nicht gelöscht.

Flashover-Übung bei Holzbefeuerung nach dem schwedischen System

BRANDHÄUSER
Zur optimalen Übungsmöglichkeit bieten sich natürlich Brandhäuser an. Dabei ist wichtig, dass wir nicht in leeren Räumen aus Beton einzelne Stoffe entzünden (z. B. Holz oder Papier), sondern eine bunte Mixtur von Einrichtungsgegenständen. Ein simulierter Zimmerbrand ohne Teppiche, Vorhänge und Polstermöbel, mit ihren großen Kunststoffanteilen, ist beispielsweise nie ganz realistisch und für die Simulierung eines „echten“ Flashover unbrauchbar. Der Brand eines einzelnen gepolsterten Sessels mit Schaumkunststoff bringt wesentlich mehr und ist vor allem wesentlich praxisbezogener.

Ein mit Holz befeuerter Übungscontainer der FF Aaalen, Baden-Württemberg (Foto: W. Prokoph)

Die Brandstelle ist etwas erhöht angebracht und mit einer Türe abzuschließen (Foto: W. Prokoph)

Der Container in Aktion: Nach einer bestimmten Vorheizzeit wird die Türe zum Brandraum geöffnet (Foto: W. Prokoph)

Ein ausgewachsener Flashover entsteht und verpufft über den Köpfen der Mannschaft (Foto: W. Prokoph)

AUSBLICK
Um das immer häufiger auftretende Phänomen des Backdrafts und des Feuersprungs, welche bei den unterschiedlichsten Bränden völlig unerwartet auftreten können, in den Griff zu bekommen, müssen wir umdenken und unsere Brandtaktik teilweise abändern.
Folgende Maßnahmen (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) könnten dabei dienlich sein:
  Erweiterung des theoretischen Brandlehre-Unterrichts durch ein verständliches Kapitel über das Zustandekommen und die Gefahren der Rauchdurchzündungen. Dabei sind auch die charakteristischen Merkmale (Erkennen) eines unmittelbar bevorstehenden Feuersprungs genau zu behandeln.
  Richtiges Verhalten beim Innenangriff unter Annahme, dass ein Flashover entstehen kann (z. B. Abkühlung des Brandrauchs und Löschen bereits vorhandener Feuerzungen in Deckennähe mittels Sprüh- bzw. Nebelstrahls).
  Das Öffnen von „heißen Türen“ – also Türen zu einem Brandraum – sowie der richtige Türcheck sind detailliert zu schulen, ja zu drillen. Denn gerade bei diesem Szenarium haben sich die meisten Todesopfer und Schwerverletzten im Feuerwehreinsatz gezeigt.
  Kein Aufenthalt in höher gelegenen Bereichen in Stiegenhäusern, wenn „heiße Türen“ geöffnet werden.
  Verwendung einer entsprechenden, normierten Schutzausrüstung (Helm, Atemschutzgerät, Einsatzbekleidung, Stiefel, Handschuhe etc.) bei Innenangriffen.
  Spezielle Schulung der Technik der Druckbelüftung bei den Feuerwehren und Aufnahme in die Ausbildungsprogramme.
  Verstärkter Einsatz von Wärmebild(Infrarot)kameras, vor allem bei Stützpunktfeuerwehren.
  Flashover- und Backdraft-Training, welches praxisbezogen in den Brandhäusern der Feuerwehrschulen und behelfsmäßig vor Ort in Brand-Containern durchgeführt werden könnte.
Abschließend wird festgestellt, dass auch eine verstärkte wissenschaftliche Erforschung des Phänomens der Rauchdurchzündungen notwendiger denn je ist. Wir müssen einfach mehr über das Wieso, Wann, Wie und Warum dieser für den Feuerwehrmann elementaren Gefahr bei modernen Bränden wissen. Nur bei einer genaueren Kenntnis der drohenden Gefährdungen, werden wir unsere Einsatzkräfte auch in Zukunft besser schützen können!

Stand 2005
LITERATUR UND BILDNACHWEIS

Bilder 1 bis 4: Berufsfeuerwehr Berlin.

WIDETSCHEK O.: Großbrand im Palmers-Hochhaus; BLAULICHT, Heft 3/1993.

TRVB S 125: Errichtung und Betrieb von Anlagen zur Brandrauchentlüftung (BRE-Anlagen) in Räumen mit großen Grundflächen; aus 1980, wird überarbeitet.

WIDETSCHEK O.: Der programmierte Feuersprung; BLAULICHT, Heft 3/1993.
 

 

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