EIN DRAMATISCHER JAHRESWECHSEL

 

Das Jahr 2006 brachte aus der Sicht des Brand- und Katastrophenschutzes in Österreich keine weltbewegenden Ereignisse. Neben den nunmehr schon üblichen Hochwassereinsätzen in den Sommermonaten hatten die Florianijünger zwar eine neue Rekordzahl von Bränden und Unfällen zu bekämpfen, aber die großen Katastrophen – mit Ausnahme des Giftunfalls in Wollsdorf, Steiermark, mit drei Toten (BLAULICHT berichtete darüber) – blieben gottlob aus. Bis knapp vor Weihnachten, denn da schlug der Feuerteufel kräftig zu!

von Dr. Otto Widetschek, Graz

Am 2. Oktober 2006 kam es in Wollsdorf, Steiermark, zu einer Giftgaskatastrophe mit 3 Todesopfern (Bild Oswald)

 

Der Großbrand bei Leykam Let´s Print in Neudörfl a. d. Leitha, Burgenland versursachte einen Rekordschaden an die 100 Millionen Euro

RIESENSCHADEN BEI LEYKAM
Es war der 15. Dezember 2006 an dem sich das Jahr 2006 mit einem Donnergrollen zu Wort meldete: Im burgenländischen Neudörfl a. d. Leitha, nahe von Wiener Neustadt, brannten fünf Hochleistungsoffsetdruckmaschinen in der Firma Leykam Let´s Print ab. Dieser Brandschaden dürfte sich nun langsam zum größten einschlägigen Verlust in der Geschichte der Alpenrepublik mausern. Warum? Weil es mit der Sicherheit in diesem Betrieb in keiner Weise gestimmt hat. Vor allem der betriebliche Brandschutz lag im Argen. Der Riesenbrand wurde nämlich durch banale Schleiffunken ausgelöst.
 
DAS EXCALIBUR-CENTER BRENNT!
Fünf Tage später gab es einen weiteren Paukenschlag. Diesmal im niederösterreichisch-tschechischen Grenzgebiet in Kleinhaugsdorf/Hate. Dort brannte das so genannte Excalibur Center, eine Einkaufs-Wunderwelt, wie es die einschlägige Werbung so schön beschreibt. An die 40 Geschäftslokale in der großen Einkaufshalle und 30 Fahrzeuge vor dem Gebäude wurden ein Raub der Flammen. Auslöser war der grob fahrlässige Umgang mit Feuerwerkskörpern, also wieder ein Versagen des Betriebsbrandschutzes.

Grenzüberschreitender Einsatz der niederösterreichischen

Feuerwehren beim Brand der Excalibur City in Kleinhaugsdorf/Hate

 

ZWEI TOTE UND EIN SCHWERVERLETZTER
Am 21. Dezember 2006 ereignete sich im Chemiepark Linz ein folgenschwerer Unfall, bei welchem zwei Tote und ein Schwerverletzter zu beklagen waren. Dabei war ein zündfähiges Dampf- bzw. Gas-Luft-Gemisch im Spiel und es kam zu einer verhängnisvollen Behälterexplosion.

 

 

Durch menschliches Versagen sterben bei einer Behälterexplosion in Linz zwei Arbeiter, einer wird schwer verletzt (Foto APA)
 
DER UNFALL
Das Unglück geschah in den Morgenstunden, als ein Schlosser und ein Schweißer Reparaturarbeiten an einem Behälter in der Nähe der Ammoniakanlage durchführten. Sie wollten den Stahlkessel aufschneiden und verursachten dabei augenscheinlich eine gefährliche Verbrennungsreaktion. Nach Aussage des Sicherungspostens, der schwer verletzt überlebte, begann der Kessel plötzlich zu pfeifen, die Stahlplatte wölbte sich auf und schließlich kam es zu einem mächtigen Zerknall des Behälters. Die dabei entstehende Druckwelle tötete die beiden Arbeiter, die noch zu flüchten versuchten.
 
EXPLOSION ALS URSACHE
Im Unglücksbehälter muss sich eine entsprechende Menge von brennbaren Gasen oder Dämpfen befunden haben, welche mit Luft ein zündfähiges Gemisch im Kessel bildeten. Anmerkung: Von der betroffenen Firmenleitung wird in Abrede gestellt, das es sich dabei um Ammoniak gehandelt hat. (Siehe Gegendarstellung unten).
  Durch die bei den Arbeiten auftretenden Schleiffunken konnte das Gemisch gezündet werden und führte zu einer Verpuffung bzw. einer Explosion.
  Bei dem anschließenden Zerknall des Stahlbehälters wurde eine Druckwelle aufgebaut, durch welche die beiden Arbeiter getötet wurden. Anmerkung: Bei einem Überdruck von etwa 1 bar kommt es zu schweren Lungenschäden, die zum Tod von Menschen führen. Der Sicherungsposten war etwas weiter von der Unglücksstelle entfernt und überlebte schwer verletzt.
 
GEFÄHRLICHE HEISSARBEITEN
Dieser tödliche Arbeitsunfall zeigt einmal mehr, wie gefährlich Heißarbeiten (Schweißen, Flämmen, Löten und Schneiden) sein können. In diesem Fall waren es wieder Schleiffunken, welche zu einer Behälterexplosion geführt haben, da der Kessel nicht mit einem Schutzgas inertisiert bzw. durch eine Befüllung mit Wasser geschützt wurde. Ein elementares menschliches Versagen und kein Ruhmesblatt für den betrieblichen Brandschutz. Obwohl im nach hinein beteuert wurde, dass alle notwendigen Maßnahmen eingehalten worden sind.
 
BRANDSCHUTZMANAGEMENT GEFRAGT!
Was bei allen drei Ereignissen auffällt: Der Auslöser für das jeweilige Desaster war ein Versagen des Betriebsbrandschutzes. Ja, es muss in Zweifel gestellt werden, dass es in diesen Fällen überhaupt eine derartige funktionierende Einrichtung gegeben hat. Ing. Alfred Pölzl MSc hat in seinem Buch „Brandschutzmanagement – neue Wege im Betriebsbrandschutz“, welches vor kurzem von der Edition Brandschutzforum herausgegeben wurde, dieses Dilemma genau analysiert. Er ist dabei zu schockierenden Ergebnissen gekommen – und hat neue Wege aufgezeigt.

MENSCHLICHES VERSAGEN IM VORDERGRUND
Ein interessantes statistisches Detail: Die Ursachen für betriebliche Brände und Katastrophen sind nur zu etwa 1 Prozent auf technische Defekte und Schäden in den Betriebsanlagen zurückzuführen. Für 99 Prozent der Unfälle ist das sprichwörtliche menschliche Versagen verantwortlich. Es ist daher längst an der Zeit die Sicherheit in unseren Betrieben zu hinterfragen und ein funktionierendes Brandschutzmanagement-System zu implementieren. Damit der dramatische Jahreswechsel 2006/2007 nicht seine Fortsetzung findet!

 

Das Buch der Stunde: „Brandschutzmanagement – neue Wege im Betriebsbrandschutz“  


Die AMI Agrolinz Melamine International GmbH begehrt die nachfolgende Gegendarstellung:
 
„Sie berichten auf Ihrer Website www.brandschutzforum.at unter dem Titel „Arbeitsunfall: Zwei Tot bei Behälterexplosion“, unter anderem darüber, dass sich im Unglücksbehälter eine entsprechende Menge von Ammoniak befunden habe, welche mit Luft ein zündfähiges Gemisch im Kessel bilde.
Weiters behaupten Sie, dass Reparaturarbeiten an einem Behälter der Ammoniakanlage durchgeführt worden seien, wobei der Kessel nicht mit einem Schutzgas inertisiert bzw. durch eine Befüllung mit Wasser geschützt worden sein.
Diese Tatsachenmitteilungen sind unwahr bzw. unvollständig.
Tatsächlich war der Behälter, an dem die Schweissarbeiten durchgeführt worden sind, nicht mit Ammoniak, sondern ausschließlich mit Brüdenkondensat, also Wasser, gefüllt. Auch wurden die Arbeiten nicht an einem Behälter der Ammoniakanlage selbst durchgeführt. Der gegenständliche Behälter liegt außerhalb des Ammoniakanlagen-Explosionsschutz-Bereiches und dient nur bei Produktionsabstellungen als Zwischenlagerbehälter für Lauge/Waschwasser. Einen Betriebsteil der Anlage selbst stellt er damit nicht dar. Darüber hinaus mag es zwar zutreffen, dass der Kessel nicht inertisiert gewesen ist, jedoch war eine solche Inertisierung im gegenständlichen Fall weder vorgeschrieben noch üblich, da der Behälter ausschließlich mit Brüdenkondensat, also Wasser, gefüllt gewesen ist.“
 
Stellungnahme:
Es lag nicht im Interesse des Brandschutzforums Austria (BFA) durch die gegenständliche Berichterstattung eine Schuldzuweisung vorzunehmen, sondern an Hand eines dramatischen Unfalls die in der Praxis möglichen Gefahren bei Heißarbeiten zu dokumentieren. Tatsache ist es jedoch, dass es zu einem Behälterzerknall kam und zwei Tote zu beklagen waren. Da eine Expertenkommission zur Ursachenermittlung eingesetzt wurde, wäre es wertvoll und wünschenswert das Ergebnis dieser Fachleute einer interessierten Fachöffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Das BFA ist sofort bereit, diesen Bericht zu veröffentlichen. Denn wir sollten alle aus derartigen tragischen Unfällen für die Zukunft lernen!
Graz, am 16.2.2007
 

 

0316 71 92 11

office@brandschutzforum.at

0316 71 92 11 9