GIFTGASKATASTROPHE IN WOLLSDORF, DREI TOTE

 

Das Hauptgebäude der Firma Wollsdorf-Leder

„ES ROCH NACH FAULEN EIERN!“
Ein menschliches Drama spielte sich am 2. Oktober 2006 in der Lederfabrik Wollsdorf in der Oststeiermark ab: Nach einem plötzlichen Gasausbruch in der Gerberei starben drei Arbeiterinnen. Die umliegenden Krankenhäuser inklusive des LKH Graz hatten Hochbetrieb, denn vier Schwerst- und 30 Leichtvergiftete mussten einer intensiven medizinischen Behandlung – zum Teil in der Druckkammer des LKH Graz – unterzogen werden. Über 40 Personen wurden dabei auch kurzfristig zur Beobachtung in ärztliche Betreuung übergeben.

von Dr. Otto Widetschek, Graz

 
DRAMATISCHE SEKUNDEN
Kurz zum Unfall: Zwei Stunden nach Beginn der Frühschicht, um etwa 07.30 Uhr, befinden sich etwa 150 Beschäftigte in der Betriebsanlage, als es in der Färber- und Gerberei zu einer unerwarteten chemischen Reaktion kommt. Es tritt ein Giftgas vom Reaktionskessel in den Arbeitsraum und eine Frau stürzt wie vom Blitz getroffen zu Boden, sie blutet am Kopf. Eine Kollegin will ihr helfen und wird dabei ebenfalls ohnmächtig. Eine weitere Frau kommt zur Hilfe und sinkt auch zu Boden. Ein Arbeiter: „Als ich das sah, bin ich – wie viele andere – um mein Leben gerannt!“ Das sind die dramatischen Schilderungen von Betroffenen. Erst als die große Lüftungsanlage die Giftgase aus der Halle absaugt, ist die unmittelbare Gefahr vorbei. Man riecht jedoch noch in zehn Kilometern den Gestank nach faulen Eiern. Darauf wird Großalarm gegeben!

Viele Bedienstete konnten sich durch panische Flucht in Sicherheit bringen

 
SCHWEFEL: ELEMENT DES TEUFELS?
Es war dies eine der größten Giftgaskatastrophen der letzten Jahrzehnte in Österreich, welche durch eines der heimtückischsten und gefährlichsten Gase des Elementes Schwefel ausgelöst wurde. Gerade Schwefel wird untrennbar mit dem Gestank der Hölle oder des Teufels verbunden. Dabei ist dieser Stoff auch für die schönsten Kristalle der Natur verantwortlich und in reiner Form absolut geruchlos. Lediglich wenn Schwefel in Wasser gelöst wird, entstehen kleine Mengen von Schwefelwasserstoff oder Hydrogensulfid, chem. Formel H2S
Ein wunderschöner Schwefel-Kristall, wie er in der Natur vorkommt
 
EIN FAULGAS
Und gerade dieses Gas war die Ursache für den – im wahrsten Sinn des Wortes – teuflischen Chemieunfall in der Oststeiermark, der drei Todesopfer forderte. Schwefelwasserstoff kommt in der Natur in vulkanischen Gasen und Schwefelquellen, in Erdgas und im Erdöl vor. Dieses bereits in geringen Konzentrationen nach faulen Eiern stinkende Gas bildet sich auch bei der Zersetzung (Fäulnis) von Eiweiß. Deswegen ist es in Senkgruben, Bio-Gasanlagen und Kanalisationen – möglicherweise in großen Konzentrationen – zu finden. Auch im menschlichen Darm kann es bei Faulprozessen auftreten und als Flatus (Furz) frei werden, was nicht unbekannt sein dürfte.
 
DER TOD IN DER SENKGRUBE
Während meines Studiums habe ich Schwefelwasserstoff im Rahmen meiner Chemiepraktika kennen gelernt. In einer eigenen luftdichten Kammer führten wir damals unsere analytischen Experimente mit diesem stinkenden Gas durch, nach welchem wir noch Stunden danach rochen. Später habe ich dann im Jahre 1985 einen tragischen Unfall im Bezirk Deutschlandberg recherchiert. Damals starben drei Männer (sie waren alle Mitglieder der FF Dietersdorf) in einer Senkgrube. Dies ging so vor sich: Nach dem Sturz einer Person in die fast entleerte Jauchengrube, verunfallten auch zwei weitere Familienmitglieder beim Rettungsversuch und verstarben innerhalb kürzester Zeit. Die herbeigerufene Feuerwehr, welche mit schwerem Atemschutz vorging, war chancenlos. Auch hier war am Tode dieser Männer maßgeblich Schwefelwasserstoff beteiligt.
 
VERGIFTUNGEN UND EXPLOSIONEN
In der Literatur findet man auch eine Reihe von Unfällen in Biogas- und Kanalanlagen dokumentiert, bei welchen Vergiftungs- und Todesfälle aufgetreten sind. Alleine in den letzten drei Jahren sind in Deutschland über 10 Menschen auf diese Weise ums Leben gekommen. Die Berichte beziehen sich dabei einerseits auf die toxische Wirkung von Faulgasen, aber auch andererseits auf Verpuffungen und Explosionen von Schwefelwasserstoff, welche in Kanälen und Biogasanlagen, vor allem bei Reparaturarbeiten (durch Schweißen), aufgetreten sind. Man muss nämlich wissen, dass Schwefelwasserstoff zwischen 4,3 und 45,5 Volums-Prozent auch explosiv ist.
 
FAULE EIER
In der Wollsdorfer Lederfabrik dürfte das tödliche Gas jedoch durch eine chemische Reaktion bei der Chromrückgewinnung in einer unerwartet großen Konzentration entstanden sein. Dabei hat wahrscheinlich Natriumsulfid (Na2S), welches bei der Enthaarung von Fellen verwendet wird, mit Schwefelsäure (H2SO4), die für die Rückgewinnung bestimmter Substanzen in der Ledererzeugung erforderlich ist, reagiert.

Diese kann wie folgt dargestellt werden:

 

Na2S  +  H2SO4  ª  Na2SO4  +  H2S

 
STARKES NERVENGIFT
Wie H2S aus dem großen Reaktionskessel austreten und in Form einer tödlichen Gaswolke in der Halle wirksam werden konnte, muss erst geklärt werden. Auf jeden Fall ist dieses unsichtbare Gas ein starkes Nervengift und besitzt einen charakteristischen, vor allem in geringen Konzentrationen wahrnehmbaren, unangenehmen Geruch nach faulen Eiern. Was jedoch sehr interessant und auch gefährlich ist: In höheren Konzentrationen wird es nicht mehr wahrgenommen, da die Geruchsnerven gelähmt werden.

Die am schwersten vergifteten Bediensteten mussten mit dem Hubschrauber in LKH Graz gebracht werden

 
IN WASSER LÖSLICH!
Schwefelwasserstoff ist in Wasser löslich und bildet eine schwache Säure. Daher kann es beispielsweise auch gut von Schutzanzügen abgewaschen werden. Bei Kontakt mit der Haut kann sich das Gas auch im Schweiß lösen und dadurch eine Reizwirkung auf den Feuerwehrmann ausüben. Das wäre so zu sagen ein biologischer Warneffekt und daher ist die Verwendung von Gasschutzanzügen in erster Linie nur dann notwendig, wenn der Schwefelwasserstoff als verflüssigtes Gas vorliegt.
 
DIE EIGENSCHAFTEN
Schwefelwasserstoff ist ein Gift, durch welches es bereits viele Todesopfer gegeben hat. Ob in Senkgruben, in Biogas- oder Kanalanlagen, überall schlägt dieses Faulgas zu.

Seine Eigenschaften können folgendermaßen beschrieben werden:


  0,1 ppm Geruchsschwelle
  1,0 ppm Geruch nach faulen Eiern
  10 ppm MAK-Wert
  100 ppm Starkes Brennen, Hustenreiz
  1.000 ppm Krämpfe, Bewusstlosigkeit (in Minuten)
  10.000 ppm Tod durch Atemlähmung (in Sekunden)

Anmerkung: 1 ppm = 1 part per million, 10.000 ppm = 1 Vol.-%


 
WAHRE URSACHEN SUCHEN
Beim vorliegenden Unfall müssen Konzentrationen im Prozentbereich entstanden sein. Denn es wurde berichtet, dass die drei tödlich verunglückten Arbeiterinnen wie vom Blitz getroffen zu Boden fielen. Das Gift aus der Gülle hatte erbarmungslos zugeschlagen. Hoffentlich wird die wahre Ursache für seine überproportionale, spontane Produktion am Unfalltag, dem 2. Oktober 2006, bald ermittelt. Denn es wäre nicht auszudenken, wenn es zu einem zweiten tödlichen Gasausbruch kommen würde.
Das H2S-Gas muss in Form eines Gasausbruches frei geworden sein. Da es schwerer als Luft ist (Dichte 1,54) sank es in Form einer tödlichen Wolke zu Boden (schematische Darstellung)
 
 

 

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